Impuls zum 6. April 2025
Von Odilo Metzler, Mitglied im Bundesvorstand, Stuttgart
Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.
Vorbemerkung: Der heutige Sonntag ist in der katholischen Kirche der Fastenaktion des Hilfswerks Misereor verbunden. Misereor und pax christi sind enge Partner, die Gründung von Misereor in den 1950er Jahren ging mit auf die Initiative von pax christi zur Bekämpfung von Hunger und Armut in der Welt zurück. Heute kooperieren Misereor und pax christi gemeinsam u.a. in der ‚Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!‘ und dem Projekt ‚gewaltfrei wirkt‘.
1. Lesung
Jes 43,16-21 Ich mache etwas Neues, merkt ihr es nicht?
So spricht der HERR, der einen Weg durchs Meer bahnt, einen Pfad durch gewaltige Wasser, der Wagen und Rosse ausziehen lässt, zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf,
sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht.
Der HERR spricht: Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste
und Flüsse durchs Ödland. Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Wüste Wasser fließen und Flüsse im Ödland, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken. Das Volk, das ich mir geformt habe, wird meinen Ruhm verkünden
2. Lesung
Phil 3, 8-14 Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.
Schwestern und Brüder! Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm erfunden zu werden.
Nicht meine Gerechtigkeit will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht,
sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt aufgrund des Glaubens.
Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde.
So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.
Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.
Evangelium
Joh 8, 1-11 Wer von euch ohne Schuld ist
In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen.
Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.
Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!
Gedanken zu den Lesungen
„Ich mache etwas Neues, merkt ihr es nicht“, lesen wir beim Propheten Jesaja, und Paulus schrieb im Philipperbrief: „Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.“ Und im Evangelium gibt Jesus einer Frau eine neue Chance. Sie wird beschuldigt, dass sie mit einem anderen Mann geschlafen hat, ist wehrlos und soll nun im Namen der Religion getötet werden. Von dem Mann ist keine Rede. Mit einem einzigen Satz gelingt es Jesus, die Konfliktsituation von Grund auf zu verändern. Er verurteilt nicht, sondern nimmt wahr, was die Beteiligten bewegt. Er lenkt ihren Blick auf sich selbst, auf ihr eigenes Herz, traut ihnen Ehrlichkeit zu und sagt: Wer von euch nie etwas Verbotenes getan hat, darf den ersten Stein auf die Frau werfen. Die Männer sind ehrlich genug, um nachdenklich davonzugehen. So ermöglicht er auch ihnen einen neuen Lebensweg.
Menschen eine neue Chance zu geben, ihnen zu helfen, dass sie nach vorne blicken können, darum geht es auch Misereor. Die Menschen im Hochland von Sri Lanka, diskriminiert und in ihrer Menschenwürde missachtet, erfahren, dass sie Rechte haben, eine eigene Würde und dass sie, wenn sie gemeinsam handeln, Mut finden. Sie fühlen sich nicht mehr wehrlos, sondern spüren Selbstvertrauen und Freude in ihrem Leben. Ein junger Mann aus dem Hochland erzählt: Nach dem Abitur bin ich zum ersten Mal von den Teefeldern weggekommen. Ich habe zum ersten Mal erlebt, wie Menschen miteinander sprechen können. Und zusammen nachdenken. Und Probleme lösen. Das will ich an die anderen Jugendlichen im Hochland weitergeben. Sie sollen in ihrem Herzen die Liebe von Gott und von uns Menschen spüren.
Auch das zweite Wort Jesu verändert die Situation der Frau: „Auch ich verurteile dich nicht!“ Weil wir von ihm nicht verurteilt sind, können wir gemeinsam mutig Verantwortung wahrnehmen, wie es Paulus nach Philippi schrieb: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.“
Im aktuellen Misereor-Hungertuch verarbeitet die Künstlerin Konstanze Trommer Fotos v.a. von Kindern der verschiedenen Kontinente. Sie spielen, kochen, fischen Vorräte aus dem Meer und helfen einander.
In der Mitte des Bildes sehen wir ein leuchtend-weißes Zelt, gold-umrandet mit der Farbe Gottes, auf einer Sandbank. Ein Junge sieht einem Wirbelsturm entgegen, der scheinbar auf die Sandbank zusteuert. Halten Sandbank und Zelt dem Sturm stand? Was bringt die Zukunft für die jungen Menschen? Trotz der Bedrohung packen sie gemeinsam an. Die Frage ist nicht: Woher kommst du? Sondern: Wo gehen wir gemeinsam hin?
„Gemeinsam träumen – Liebe sei Tat“ – so hat die Künstlerin ihr Werk genannt. Sie schreibt dazu: Das leuchtende „Zelt der Begegnung“ ragt in den Himmel wie eine „Antenne der Liebe“: Es nimmt jeden Notschrei auf und hilft uns, auch die Nöte der anderen und der Natur zu sehen. Nicht das Gerede über Krisen hilft uns, sie zu überwinden, sondern Taten.
Gebet
Guter Gott.
Wir können einander gut sein und Gutes tun:
Unserer Umwelt, unseren Mitmenschen, den künftigen Generationen.
Wir spüren, dass es auch an uns liegt,
wie diese Welt, deine geliebte Schöpfung, künftig aussieht.
So bunt, so divers und vielfältig, so lebendig - wie wir.
Bleibe bei uns auf unseren Wegen, Umwegen und Abwegen.
Erhalte uns mit Rücksicht, Achtung und Liebe füreinander,
durch diese Lebenszeit,
heute, morgen und bis in deine Ewigkeit.
Segne uns und lass uns selbst zum Segen werden.
aus: Misereor-Fastenaktion 2025